Eine neue „bürgerliche“ Chor-Armee?

DrehPunktKultur.at, 17. Mai 2010
(heruntergeladen am 20.02.2015)

Eine neue „bürgerliche“ Chor-Armee?

Kulturvereinigung / Brahms-Requiem

Von Reinhard Kriechbaum

Das Konzert mit dem Brahms-Requiem am Samstag (15.5.) war – nach dem „Debüt“ mit dem Mozart-Requiem im vergangenen Dezember – die erste große Herausforderung für den neu gegründeten Chor der Salzburger Kulturvereinigung.

Gut achtzig Leute hat man mobilisiert zu diesem Anlass, der keine Eintagsfliege bleiben soll: Im nächsten Neujahrskonzert im Großen Festspielhaus wird man sich immerhin Carl Orffs „Carmina burana“ vornehmen. „Neunzig Leute waren jüngst bei einer Probe“, erzählte Kulturvereinigungs-Leiterin Elisabeth Fuchs dem DrehPunktKultur. Den Chor leitet aber nicht sie, sondern Anna Töller, eine engagierte Gesangsstudentin an der Universität Mozarteum, die selbst schon als Stimmbildnerin tätig ist. Logischerweise gibt es einen ansehnlichen Studenten-Anteil in dem Chor (nicht nur vom Mozarteum, auch von der Universität Salzburg). Aber auch Leute, die neben ihrer Mitwirkung in Chören mit kleinerer Besetzung mal was „Großes“ singen wollen, fänden den Weg zum Chor der Salzburger Kulturvereinigung, erzählt Elisabeth Fuchs.
Man muss das Salzburger Chor-Bild also wohl ein wenig zurecht rücken. Die Wahrnehmung der letzten Jahre ging ja in etwa dahin: Einen Boom erleben vor allem kleiner besetzte, dafür in ihrem Anspruch auf Professionalisierung ausgerichtete Vokalensembles – mit einem denkbar weiten Stilbogen von „Voices unlimited“ bis zum „Salzburger Kammerchor“. Dafür gibt es auch eine Gruppe kompetenter, ehrgeiziger Chorleiter der jungen und mittleren Generation. Dagegen dämmern „bürgerliche“ Traditionschöre wie die Liedertafel oder der Mozartchor eher unauffällig vor sich hin. Wenn das „gesellige“ Singen vor der echten Konzert-Herausforderung kommt, scheint die Attraktivität des Chorsingens gering.
Aber es gibt, wie man nun in der Kulturvereinigung vorzeigt, durchaus Interessenten auch für jenes Literaturfeld (speziell des 19. Jahrhunderts), dem man heutzutage leicht verächtlich das Etikett „altmodisch“ aufklebt. Das muss nicht so sein.
Das Konzert am Samstag konnte überzeugen: Mit dem „Jungen KonzertChor Düsseldorf“ hatte man eine in etwa gleich große zusätzliche Chorgruppe aufgeboten, und es gab hinsichtlich des Klangs keine Unwägbarkeiten zwischen den beiden Chören. Die Höhen im Brahms-Requiem kamen locker und unverkrampft, die Stimmgruppen wirkten ausbalanciert, und wo sie alleine gefordert wurden, war die Chor-Kantilene locker und unverkrampft. Offenbar gibt es auch ausreichend junge Tenorstimmen. Mit dem Jugendsinfonieorchester der Tonhalle bekam dieses Konzert weiteren jugendlichen Touch – und der trug über die Granit- und Betongruft, als die ja die grau-düstere Elisabethkirche vor allem wirkt – gut hinweg. Der Dirigent Ernst von Marschall hat die Raumakustik wie die Chormasse sauber in Einklang gebracht. Das ist schon viel in einem solchen Raum.
Vor dem Brahms-Requiem (mit den Solisten Désirée Brodka, Sopran, und Stefan Heidemann, Bariton) hatte man noch mit Schumanns „Requiem für Mignon“ op. 98b eine Rarität im Gepäck. 1849 war der 100. Geburtstag Goethes zu feiern, Schumann vertonte eine Mignon-Episode (aus „Wilhelm Meisters Lehrjahre“) abseits vom Land, „wo die Zitronen blühen“. Man war ja erdverhafteter, die 48er-Revolution war ein Thema und aus dem „Mignon für Requiem“ haben die Zeitgenossen angeblich Schumanns Sympathie für die Revolutionäre heraushören können. In der Elisabethkirche hat man freilich nur wenig Text verstanden.

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