Zwei Charaktere

Rheinische Post, 03. Oktober 2001

Zwei Charaktere

Düsseldorf. Ein mittelgroßer Chor kann eine mittelgroße Kirche klanglich füllen. Ein ziemlich großer Chor kann eine ziemlich große Kirche mit Hilfe eines ziemlich großen Orchesters und Gesangssolisen klanglich überfüllen. Auch das ist eindrucksvoll; beides gab es nun zu erleben – in der Andreaskirche den A-cappella-Auftritt des Jungen Konzert-Chors Düsseldorf und am Abend das Verdi-Requiem, mit dem die 125-Jahr-Feier des Maxchors begangen wurde.
Ein gregorianischer Introitus war die erste Vaterunser-Vertonung, die der Junge Konzert-Chor unter Guido Harzen servierte. Von verschiedenen Punkten der Empore gelangte der Gesang in den Kirchenraum; die aus gehaltene Bordunquint gab der ansonsten flüssigen Interpretation Ruhe. Für das Programm wählte der Chor den Standort vor dem Altar. Unorthodoxerweise standen die Herren vor den Damen – gerechtfertigt durch das Ergebnis: Selten hört man einen so gut balancierten Chorklang.
Auch sonst kann man das Ensemble nur loben: Präzise und intelligente Phrasierung gehört ebenso zu seinen Qualitäten wie dynamische Vielseitigkeit der Charakterisierung. Darüberhinaus gab es im teilweise schwierigen Programm ausnehmend wenig intonatorische Schwachpunkte.
Dessen erste Hälfte war dem zwanzigsten Jahrhundert gewidmet. Ob Petr Eben mit seiner Vorliebe für Quarten und seinem an Gregorianik angelehnten Duktus; Maurice Durufle, in dessen vier Motetten op. 10 dem Konzert-Chor eine wunderbar intime und dabei samtig-volle Atmosphäre entströmte; oder Friedrich Metzlers klar gegliederte Motetten, deren kräftige Deutlichkeit den Sängern sich ohne Grobheit erschloss – die verschiedensten Herausforderungen meisterte der Chor, tatkräftig unterstützt durch Harzens souveräne, vielseitige Dirigierbewegungen.
Ein interessantes Hörerlebnis bot das “Vater unser” von Wolfgang Stockmeier. Von allen Seiten des Kirchenraumes wurde aus tief-getragenem Männersprechen ein sich aleatorisch verdichtendes Wortgewebe, das wiederum (zu läutenden Kirchenglocken) in einen eindringlichen Cluster überging. Der (kürzere) zweite Teil des Nachmittagskonzerts hätte das Publikum mit angenehmen Werken von Meyerbeer, Bruckner, Schubert, Bach und Liszt sicherlich versöhnt, wäre das nötig gewesen. Man ließ sich weiter von der Fähigkeit des Chores verwöhnen, den Klang auf lebendige Weise von vorn aus durch die Kirche wandern zu lassen – da verzieh man leichte Ermüdungserscheinungen.
Strapaze aufs Äußerste
Ganz anders geartet sind die Schwierigkeiten des opernhaft monumentalen Verdi-Requiems, das Chor und Orchester der Maxkirche sich vorgenommen hatten. Hier achtet jeder zuvörderst darauf, sich Gehör zu verschaffen – das strapaziert die Raumakustik, aber auch die Kräfte der Darbietenden aufs Äußerste. Die Leitung der gigantischen Totenmesse hatte Werner Lechte.
Dem Chor entlockte er große Klangfülle; leider war sein gestaltungswilliger, doch möglicherweise etwas zu runder Schlag für das Orchester nicht immer zu verstehen. Vollends schwammig sein Draht zu den Gesangssolisten, die seine Anwesenheit nur gelegentlich zu bemerken schienen. Andererseits gelang es Lechte, die Spannung über anderthalb Stunden zu halten und sie in manch höchst beeindruckenden Momenten gipfeln zu lassen.
Die Gegensätze innerhalb des Werks wurden differenziert herausgearbeitet. Im “Dies irae” reichte die dynamische und charakterliche Vielfalt vom bombastischen, die Kirche durchbebenden Schreckensanfang bis zu den beredten Pausen im von Markus Marquardt (Bass) wohlgestalteten “Mors stupebit”. Höchster Beifall ist Ulrike Kamps-Paulsen (Mezzo) für ihre ergreifend-dramatische Umsetzung des “Liber scriptus” zu zollen. Beiden zusammen gelang später im “Lux aeterna” eine bewundernswerte Mischung aus ätherischem Leuchten und wohliger Wärme.
Schweigendes Staunen
Leider lässt sich solches von den anderen beiden Solisten nicht sagen. Hier forderte Verdi seine Opfer. Während Ricardo Tamuras Tenor immer schärfer wurde, hatte Eva-Maria Westbroek an ihrer Sopranstimme bald keine Freude mehr. Zum Glück konnte sie im “Libera me” mit seiner gehetzten Angst wieder an Boden gewinnen und das Publikum in eine Minute schweigenden Staunens überführen.
Moritz Kuhn

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